Wie die WM das Leben der Müllers verändert hat.
03. Aug. 2006 von Toan Nguyen
Ein Land im Aufnahmezustand.
Dass die Weltmeisterschaft den Deutschen und dem Rest der Welt ein unvergessenes Erlebnis beschert hat, wird dieser Tage immer häufiger festgestellt. An allen Ecken und Enden werden WM-Bilanzen gezogen: Die Behörden ziehen Sicherheitsfazits, der Einzelhandel berichtet über seine Verkaufsschlager sowie Ladenhüter, und das Fernsehen präsentiert seine Einschaltquoten.

Entscheidender scheint aber uns die Frage: Wie haben die meisten Deutschen und unsere Müllers die WM erlebt?
Aus einer sicheren Abwehr heraus in den Rausch gespielt.
Ein bisschen Sorgen gemacht hatte sich Claudia Müller schon. Während ihre beiden „Jungs“, Thomas und Jan, schon Wochen vor Turnierbeginn dem Eröffnungsspiel entgegenfieberten und zuhause den WM-Spielplan anbrachten, begegnete sie dem Spektakel mit gemischten Gefühlen. Zu oft hatten die Medien über potentielle Gefahrenherde berichtet: Die Nachrichten von osteuropäischen Hooligans und Fußballstadien als potentielle Terrorziele bereiteten ihr ziemliche Sorgen. Um auf Nummer sicher zu gehen, wollte sie zumindest auf öffentliche Verkehrsmittel verzichten und auch ihren Sohn darum bitten.
Allerdings mochte sie sich auch nicht die Lust auf das Großereignis nehmen lassen: Schließlich würde die Welt zu Gast in Deutschland sein – so was erlebt man ja nicht alle Tage. Tickets bestellt haben die Müllers jedoch nicht – das war bei den gepfefferten Preisen einfach nicht drin. Neben dem Spielplan wurde lediglich noch das Panini-Heft gekauft, mit dem man sich schon einmal mit den ganzen Teams beschäftigen konnte. Das Heft weckte bei Thomas vor allem Erinnerungen an die WM 1990, die er so innig verfolgt hatte. Insofern hatte Jan des Papas ganze Unterstützung, wenn es darum ging, das Heft voll zu bekommen.
Jetzt geht’s los!
Als dann der Ball das erste Mal rollte und Deutschland wenig später das erste Spiel gewonnen hatte, waren Claudias Zweifel verflogen. Mit dem Tippspiel in der Firma, bei dem sie erst gar nicht mitmachen wollte, kam dann auch sie richtig in Stimmung. Plötzlich war der Fußball das Thema Nummer eins – nicht mehr bloß für die Jungs. Die tolle Stimmung, die plötzlich das Land erfasste, begeisterte auch die Müllers: Bereits zum zweiten Deutschland-Spiel luden sie ein paar Freunde ein und veranstalteten eine kleine WM-Party.

Toll fanden die Müllers vor allem, wie die Bevölkerung plötzlich mit den nationalen Symbolen umging: Überall Fähnchen an Autos und Flaggen an den Balkonen – das war schon super. Eine eigene Fahne kauften sie sich trotzdem nicht – die waren schließlich ganz schön teuer, außerdem muss man ja auch nicht alles mitmachen. Jan sah das anders: Er hatte sich schon zum allerersten Spiel sein Podolski-Trikot angezogen und eine Deutschland-Flagge ins Gesicht malen lassen.
Oh, wie ist das schön…
Nach ein paar Spieltagen hatte die WM auch den Alltag der Müllers fest im Griff. Natürlich durften Thomas und Claudia die Arbeit und den Haushalt nicht vernachlässigen, aber nach Feierabend hieß es: Ab an den Fernseher. Zum Glück gab es während der vier Wochen neue Öffnungszeiten, sonst wäre es manchmal richtig eng geworden mit dem Einkaufen. Jan schaute meist schon die Nachmittags-Spiele und durfte dafür sogar vor dem Fernseher Mittag essen. Auch wenn es nebenbei genug zu tun gab, erwischte sich Claudia immer öfter dabei, selber mitzugucken. Nach und nach stellten die Müllers den ganzen Tagesablauf auf die WM ein. Selbst die Institution Abendbrot fiel König Fußball zum Opfer: Da wurde entweder auf die Schnelle zwischen den Spielen gegessen – oder gar vor dem Fernseher. Und wenn man die Spiele nicht alle gucken konnte – wie Thomas, dessen Chef leider keinen Beamer aufgestellt hatte, wie von der Belegschaft erhofft – dann schaltete man eben das Radio ein. So war Thomas immer schon bestens informiert, wenn er sich auf den Heimweg machte, um mit Claudia und Jan die Abend-Spiele zu gucken. Am besten gefiel allen dreien die Moderation von Jürgen Klopp. Der war locker drauf und hatte außerdem richtig Ahnung von Fußball, wie Jan fand. Insgesamt verbrachten die Müllers viel mehr Zeit vor dem Fernseher als sonst – allerdings meist alle zusammen, was Claudia besonders freute.
Auch wenn sich Claudia alle Mühe gab, trotz der WM keine Unordnung aufkommen zu lassen – das gemeinsame Wohnzimmer sah trotzdem immer ein wenig nach WM aus:

Der Spielplan griffbereit, das Panini-Heft auf dem Couchtisch und die übrig geblieben Chips-Tüten vom Vorabend warteten schon auf die die nächste Partie. Außerdem hielt es Jan irgendwie für nötig, sein Deutschland-Trikot immer parat zu haben, obwohl Claudia es schon mehrfach weggeräumt hatte. Thomas hätte am liebsten auch den Bierkasten direkt ans Sofa gestellt – das war seiner Frau dann aber doch zuviel. WM hin oder her: Ordnung muss sein.
… so was hat man lange nicht gesehen.
Zusammen etwas draußen unternommen hatten die Müllers schon lange nicht mehr. Jan hatte irgendwie nicht mehr so richtig Lust, was mit seinen Eltern zu unternehmen und Thomas und Claudia … irgendwie fehlt ihnen doch immer die Zeit dafür. Aber jetzt zur WM war alles ein bisschen anders: Weil auch ihre Freunde voll im Fußballfieber waren, gingen die Müllers mindestens einmal die Woche aus, um im Garten von Freunden zusammen ein Spiel zu gucken und dabei zu grillen. Dort war immer richtig was los: Es gab ordentlich Bier und Chips und der Garten wurde mit Deutschland-Fahnen und Girlanden geschmückt. Vor den Deutschland-Spielen wurde sogar kollektiv aufgestanden und die Hymne gesungen – ziemlich schief zwar, aber es war doch ein tolles Gefühl. Die Jungs warfen sich vorher noch in ihre Trikots (Thomas hatte ein altes Klinsmann-Trikot von seinem Arbeitskollegen bekommen) und Claudia bereitete immer eine kleine WM-Leckerei vor: Für das Spiel Deutschland gegen Schweden gab es eine richtige Fußball-Torte mit Toren und den Flaggen der Mannschaften drauf.
Steht auf, wenn Ihr…
Nachdem seine Freunde ihm schon ein paar Mal davon erzählt hatten, wollte Jan nach der Vorrunde auch endlich mal ein Spiel beim „Public Viewing“ am Roncalli-Platz nahe dem Dom gucken. Claudia war immer noch ein wenig skeptisch – schließlich sind dort so viele Betrunkene – deshalb ging Thomas auch mit. Auf dem Weg zum Spiel hatten sich beide noch schnell das Deutschland-Tattoo der BILD- Zeitung auf den Arm geklebt und in Jan Panini-Heft noch mal die Spieler des Gegners zusammen angeguckt. Nachher waren beide ganz begeistert: Alle hatten gemeinsam gesungen und Arm-in-Arm gebangt, als es gegen Argentinien ins Elfmeterschießen ging. Wer hätte gedacht, dass man mal so entspannt für Deutschland fiebern könnte. Eine tolle Sache! Auf dem Weg nach Hause konnte Thomas nicht anders und besorgte Claudia eine Deutschland-Girlande, die sie beim nächsten Spiel tragen konnte.
Die Welt zu Gast bei Freunden. Natürlich merkten auch die Müllers, wie viele ausländische Gäste nach Deutschland gereist waren. Aber so richtig Kontakt hatten sie mit denen nur einmal: Als Jan zusammen mit seinem Vater unterwegs war, trafen sie am Dom einen italienischen Fan. Nach einer kurzen Unterhaltung, die etwas schwierig war, weil keiner richtig gut Englisch konnte, kamen sie jedoch auf ihre Panini-Hefte zu sprechen: Jan hatte wie immer ein paar lose Bilder dabei und so tauschten die beiden fleißig. Bestimmt eine tolle Erfahrung für den Sohn, dachte sich Thomas.
Auf geht’s, Deutschland…
Die WM-Bilanz der Müllers fällt eindeutig aus: Ein tolles Erlebnis, dass man auf keinen Fall vergessen wird. Thomas und Claudia glauben jedenfalls, dass die WM für ganz Deutschland ein Riesenerfolg war. Alle Deutschen schienen irgendwie zusammengerückt zu sein und hätten endlich ein unverkrampfteres Verhältnis zu sich selbst entwickelt. Auch wenn die Müllers selbst auf eine Fahne verzichtet hatten – der Gesamteindruck von all dem Schwarz-Rot-Gold war einfach umwerfend. Die Müllers sind schon immer stolz auf Deutschland gewesen und waren deshalb froh, das auch mal zeigen zu können. Allerdings glauben sie auch, dass diese Stimmung nach der WM schnell verfliegen werde. Schade eigentlich. Dennoch: als Gastgeber hat Deutschland viele Punkte sammeln können, glaubt Thomas. Alles sei sicher und gut organisiert gewesen und die Feier-Stimmung war viel besser als bei den letzten Turnieren. Nicht umsonst schreiben die Zeitungen von „der besten WM aller Zeiten“. Heute, einige Wochen nach der WM, ist die WM bei den Müllers jedoch nur noch selten Thema: Bei ihrem jährlichen Urlaub auf Usedom standen bereits die Sorgen des Alltags wieder im Mittelpunkt. Auch wenn sie dort endlich mal ausspannen konnten, drehen sich die Gedanken schon wieder um Jans nächstes Schuljahr… und auch die leidigen Finanzsorgen sind wieder da. Dennoch: das Interesse an Fußball ist stärker denn je. Jan wird auch weiterhin seinem Verein FC Köln die Daumen drücken, auch wenn sein großes Vorbild Podolski jetzt beim allmächtigen FC Bayern kickt. Auch Thomas ist weiterhin im Fußball-Fieber und hatte kurzzeitig sogar überlegt, sich einen Pay-TV-Zugang anzulegen. Das ist ihm aber doch zu teuer. Stattdessen will er lieber öfter mal bei Freunden oder in der Kneipe gucken. Vielleicht kommt ja auch Claudia mal mit? Die hat schließlich auch ihr Interesse an dem Sport entdeckt. Da bald auch die Qualifikationsspiele für die EM anstehen, planen die Müllers auf jeden Fall, das eine oder andere Spiel zuhause zu zelebrieren. Oder wie wär’s mit gemeinsamen Tatort-Abenden; das gemeinsame Fernsehen hat schließlich richtig Spaß gemacht. Die Fußballabende finden natürlich im Wohnzimmer statt, das sich als Heimspielstätte bewährt hat. Und die wesentlichen Utensilien hat man dort auch immer parat. Die Girlande ist im Schrank verstaut, zusammen mit den anderen Reliquien der WM-Wochen: Der Spielplan, den man nicht wegschmeisst, weil er so viele Erinnerungen birgt; das Paniniheft, das Jan in Papier eingeschlagen und stets griffbereit hat und das Deutschland-Trikot, das Thomas seinem Kumpel erstmal nicht zurückgeben braucht.
Die WM bei den Müllers: Nicht spektakulär, aber doch besonders.
Die häufigste Familie Deutschlands hat sich fantastisch amüsiert, hat gefeiert und getrauert – und kehrt nun zum Alltag zurück, mit all seinen Nöten und Pflichten. Aber sie haben auch eine Menge mitgenommen: Erinnerungen, Souvenirs, Lehren.
Quellen: GfK-Studie “WM heizt Kauflust an”; Haus+Garten-Studie “Fußball-Fernseh-Fieber”; Postbank-Studie “Einstellungen der Frauen zur FIFA WM 2006″; Studien zur WM der Uni Hohenheim; AIESEC-Studie “Gastfreundlichkeit”; Handelsblatt.com; Die Welt; Leipziger Volkszeitung; ZEITWissen.



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